„Ich habe viel gelesen, aber wenig gelebt“ – Vom Lesen der Worte zum Lesen der Schöpfung

Aufgeschlagenes Buch auf einem Schreibtisch vor einem offenen Fenster mit Blick auf Sonnenuntergang, See, Baum und Regenwolke

Eine Betrachtung über Jorge Luis Borges*, das erste Wort der koranischen Offenbarung und die hinweisende Betrachtungsweise (Mana-yı Harfî) Bediüzzamans

1. Lesen und Leben

Im Jahr 1981 wurde in einem Gespräch zwischen dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges und Mario Vargas Llosa ein bemerkenswerter Gedanke von Borges aufgegriffen:

„Muchas cosas he leído y pocas he vivido.“

„Ich habe viel gelesen, aber wenig gelebt.“

Dieser Gedanke beschreibt eine Spannung zwischen Wissen und Leben, zwischen Lesen und Erleben. Zunächst scheint er anzudeuten, dass Bücher und das wirkliche Leben zwei voneinander getrennte Welten seien. Wer viel liest, so könnte man meinen, beschäftigt sich mit den Erfahrungen anderer, während ihm eigene Erfahrungen entgehen. Doch ist Lesen tatsächlich das Gegenteil von Leben? Oder kann es selbst eine besondere Form des Lebens und der Erkenntnis sein? Hängt die Antwort vielleicht davon ab, was wir lesen, wie wir lesen und worauf uns das Gelesene hinweist?

An dieser Stelle lässt sich eine Verbindung zum ersten offenbarten Wort des Korans herstellen:

اِقْرَأْ

Iqra! Lies!

Im Zusammenhang mit der koranischen Offenbarung lässt sich diese Aufforderung über das Entziffern geschriebener Buchstaben hinaus verstehen: als Einladung zur Erkenntnis, durch die der Mensch sich selbst, die Welt und seine Beziehung zu Allah besser verstehen lernt.

Die ersten offenbarten Verse des Korans lauten:

„Lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat. Er hat den Menschen aus einem Anhängsel erschaffen. Lies! Und dein Herr ist der Allgütige, Der durch das Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.“

Sure al-ʿAlaq, 96:1–5

Auffällig ist, dass die Aufforderung zum Lesen unmittelbar mit der Schöpfung verbunden wird. Der Mensch soll im Namen seines Herrn lesen, Der erschaffen hat. Damit erhält das Lesen eine Richtung: Es geht nicht allein darum, Informationen aufzunehmen, sondern auch darum, die Dinge in ihrer Beziehung zu ihrem Schöpfer zu erkennen.

2. Die Schöpfung als Buch

Hier begegnen wir einem zentralen Gedanken Bediüzzamans: Die Schöpfung gleicht einem Buch, dessen Geschöpfe und Erscheinungen auf ihren Urheber hinweisen.

Ein Baum, eine Blume, der Wechsel der Jahreszeiten oder das menschliche Leben sind Gegenstände unserer Betrachtung. Zugleich können sie als Zeichen gelesen werden, die auf Allahs Namen und Eigenschaften hinweisen. Ein Baum besitzt beispielsweise eine biologische Struktur. Er nimmt Wasser auf, betreibt Photosynthese, bildet Blätter und trägt Früchte. Diese Vorgänge lassen sich wissenschaftlich untersuchen und beschreiben.

Die hinweisende Betrachtungsweise (harfî Sichtweise) fragt darüber hinaus: Was zeigen uns diese Vorgänge? Auf welche Weisheit, Barmherzigkeit und Macht weisen sie hin?

Damit gelangen wir zu einer grundlegenden Unterscheidung, die Bediüzzaman in der Risale-i Nur erläutert: Mana-yı İsmî und Mana-yı Harfî.

Mana-yı İsmî, die selbstbezogene Betrachtungsweise, betrachtet ein Ding für sich. Der Blick richtet sich auf seine Eigenschaften, seine Beschaffenheit und seine Erscheinung.

Mana-yı Harfî, die hinweisende Betrachtungsweise, betrachtet ein Ding im Hinblick auf das, worauf es verweist. Sie erkennt in den Geschöpfen Zeichen, die über sich selbst hinaus auf Allah, Seine Namen und Seine Eigenschaften hinweisen.

Die Bezeichnungen knüpfen an die grammatischen Begriffe ism (Nomen) und harf (Partikel) an. Im Mittelpunkt steht dabei die Unterscheidung zwischen einer Bedeutung, die für sich betrachtet wird, und einer Bedeutung, die sich in Beziehung zu etwas anderem erschließt. In diesem Sinne kann jedes Geschöpf als ein Zeichen verstanden werden, das auf seinen Schöpfer verweist. Die hinweisende Betrachtungsweise bedeutet deshalb nicht, die sichtbare Welt geringzuschätzen oder ihre natürlichen Gesetzmäßigkeiten zu vernachlässigen. Sie eröffnet vielmehr eine weitere Erkenntnisebene: Die Dinge werden sowohl danach betrachtet, was sie sind, als auch danach, worauf sie hinweisen.

Wie Said Nursi diese Lesart der Welt Stufe für Stufe entfaltet, zeigt auch unser Beitrag Das Alphabet der Wirklichkeit.

3. Iqra und die hinweisende Betrachtungsweise (Mana-yı Harfî)

Betrachten wir die Aufforderung „Iqra!“ im Licht dieser Unterscheidung, eröffnet sich ein besonderer Zusammenhang: Der Mensch liest Bücher aus Papier und Tinte und befindet sich zugleich selbst inmitten eines umfassenden Buches, der Schöpfung. Jeder Morgen, an dem die Sonne aufgeht, jedes Samenkorn, aus dem eine Pflanze wächst, und jeder Atemzug, der uns am Leben erhält, können als Zeilen dieses Buches gelesen werden.

Doch ein Buch vor Augen zu haben bedeutet noch nicht, seine Bedeutung zu verstehen.

Ein Mensch kann täglich an einem Baum vorbeigehen, seinen Schatten genießen, seine Früchte essen und seine Schönheit bewundern. Dennoch kann ihm verborgen bleiben, worauf dieser Baum hinweist.

Ein anderer betrachtet denselben Baum und erkennt in der Art, wie er versorgt wird, in seiner Ordnung und seiner Schönheit Hinweise auf Allahs Barmherzigkeit, Weisheit und Macht. Beide sehen denselben Baum. Doch sie lesen ihn auf unterschiedliche Weise. Der Unterschied liegt in der Blickrichtung des Betrachters.

So kann aus alltäglichem Sehen ein bewusstes Lesen der Zeichen Allahs werden.

4. An den Zeichen vorübergehen

Kehren wir zu Borges zurück:

„Ich habe viel gelesen, aber wenig gelebt.“

Dieser Satz lässt sich nun aus einer anderen Perspektive betrachten. Vielleicht liegt das Problem darin, dass der Mensch das Gelesene zu wenig mit seinem Leben verbindet.

Man kann unzählige Bücher lesen und dennoch achtlos an den Zeichen vorübergehen, die einen täglich umgeben. Der Koran macht auf diese Unachtsamkeit aufmerksam:

وَكَأَيِّن مِّنْ آيَةٍ فِي السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ يَمُرُّونَ عَلَيْهَا وَهُمْ عَنْهَا مُعْرِضُونَ

„Und wie viele Zeichen gibt es in den Himmeln und auf der Erde, an denen sie vorübergehen, während sie sich von ihnen abwenden!“

Sure Yusuf, 12:105, sinngemäße Übersetzung

Die Zeichen sind vorhanden. Sie umgeben den Menschen in jedem Augenblick. Ihre Gegenwart allein bedeutet jedoch noch nicht, dass sie erkannt und verstanden werden.

Die hinweisende Betrachtungsweise Bediüzzamans lädt dazu ein, die Schöpfung aufmerksam zu betrachten und zu erkennen, worauf sie verweist.

Man kann über Barmherzigkeit lesen, ohne sie im eigenen Leben wahrzunehmen. Man kann über Dankbarkeit lesen, ohne die Gaben zu erkennen, für die man dankbar sein könnte. Und man kann sich mit der Schöpfung beschäftigen, ohne in ihr Hinweise auf den Schöpfer zu entdecken.

Entscheidend ist daher auch, welche Bedeutung das Gelesene für unsere Wahrnehmung gewinnt. Verändert es unseren Blick? Hilft es uns, das Vertraute bewusster wahrzunehmen?

Bediüzzamans Betrachtungsweise bietet hierzu einen Zugang: Sie lädt uns ein, die Welt als eine Schöpfung zu betrachten, deren einzelne Bestandteile auf Allah hinweisen. Das Lesen setzt sich damit im Betrachten, Nachdenken und Erkennen fort.

5. Vom Wissen zur Erkenntnis

Wir können wissen, dass unser Herz ununterbrochen schlägt. Wir können seinen anatomischen Aufbau untersuchen und seine physiologischen Abläufe erklären.

Die hinweisende Betrachtungsweise lädt uns ein, neben diesen Zusammenhängen auch ihre Bedeutung zu bedenken. Das Herz arbeitet, ohne dass wir jeden einzelnen Schlag bewusst steuern. Unser Leben wird durch zahllose Vorgänge erhalten, über die wir nicht unmittelbar verfügen.

Wer diese Zusammenhänge im Licht der hinweisenden Betrachtungsweise betrachtet, kann darin Hinweise auf Allahs Wissen, Macht und Barmherzigkeit erkennen.

Wissenschaftliche Beschreibungen und die hinweisende Betrachtung richten ihre Aufmerksamkeit dabei auf unterschiedliche Fragen. Die wissenschaftliche Untersuchung erklärt die Vorgänge und ihre Zusammenhänge. Die hinweisende Betrachtung fragt nach ihrer Bedeutung im Verhältnis zu Allah.

So kann das Wissen über die Schöpfung zu einem Weg werden, auf dem der Mensch seinen Schöpfer erkennt. Das Lesen im Namen Allahs kann auf diese Weise sowohl den Verstand beschäftigen als auch die Haltung des Herzens prägen.

6. Das Leben lesen lernen

Ausgehend von Borges’ Gedanken lässt sich deshalb eine weitere Frage formulieren:

Ich habe viel gelesen. Aber habe ich auch gelernt, das Leben zu lesen?

Wer die Welt hinsichtlich ihrer äußeren Erscheinung betrachtet, kann viel über sie erfahren. Wer sie darüber hinaus als Zeichen Allahs liest, entdeckt in denselben Erscheinungen eine weitere Bedeutung. Der Regen lässt sich als meteorologisches Ereignis untersuchen und zugleich als Zeichen der Barmherzigkeit betrachten. Eine Blume ist ein biologischer Organismus und kann auf Schönheit, Ordnung und Weisheit hinweisen. Das eigene Leben wiederum bietet die Gelegenheit, Allah durch Seine Zeichen besser kennenzulernen.

Das bedeutet keineswegs, dass jede Erfahrung sofort verstanden werden muss. Auch die hinweisende Betrachtungsweise verlangt Nachdenken, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung immer wieder zu hinterfragen. Sie verändert jedoch die Richtung des Blickes: Der Mensch versucht, in den Dingen zu erkennen, worauf sie hinweisen.

7. Das Buch, in dem wir leben

Borges spricht vom vielen Lesen und wenigen Leben. Die ersten offenbarten Verse des Korans fordern zum Lesen auf. Bediüzzaman zeigt mit der hinweisenden Betrachtungsweise einen Weg, die Schöpfung selbst als ein Buch voller Zeichen zu verstehen. Diese Gedanken stammen aus unterschiedlichen Zusammenhängen. In dieser Betrachtung führen sie zu einer gemeinsamen Frage:

Was bedeutet es, wirklich zu lesen?

Wir lesen Bücher, um Wissen zu erwerben, andere Menschen zu verstehen und neue Gedanken kennenzulernen. Zugleich leben wir in einer Welt, die uns unablässig zum Nachdenken einlädt. Die Sonne geht auf, die Jahreszeiten wechseln, Pflanzen wachsen, und unser Herz schlägt. Wie häufig halten wir inne und fragen uns, worauf diese Erscheinungen hinweisen?

Die hinweisende Betrachtungsweise Bediüzzamans lädt uns dazu ein, die Schöpfung als Gegenstand unseres Wissens und als Quelle der Erkenntnis Allahs zu betrachten. So entsteht eine Verbindung zwischen dem Lesen der offenbarten Worte und dem Lesen der Zeichen in der Schöpfung. Beides kann den Menschen dazu führen, über sich selbst hinauszublicken und seine Beziehung zu Allah bewusster wahrzunehmen.

„Iqra!“ lässt sich in diesem Zusammenhang als Einladung verstehen, mit den Augen zu lesen, mit dem Verstand nachzudenken und mit dem Herzen zu erkennen. Vielleicht müssen wir deshalb lernen, bewusster zu lesen, um auch bewusster zu leben. Entscheidend ist neben der Fülle des Gelesenen und Erlebten auch, ob wir verstehen, was es uns zeigen kann.

Das Leben ist etwas, das wir erleben. Zugleich ist es ein Buch, das wir lesen lernen können.

* Jorge Francisco Isidoro Luis Borges Acevedo, kurz Jorge Luis Borges (* 24. August 1899 in Buenos Aires; † 14. Juni 1986 in Genf), war ein argentinischer Schriftsteller und Bibliothekar. (Quelle: Wikipedia)

→ Lade die vollständige Betrachtung jetzt kostenlos als PDF herunter und entdecke, wie Iqra und die hinweisende Betrachtungsweise Bediüzzamans das Lesen der Worte mit dem Lesen der Schöpfung verbinden.

Redaktion: Said Nursi Stiftung

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