Wenn wir vom „Dürfen“ sprechen, ist damit kein bloßes Erlaubtsein im Sinne einer bürokratischen Regel gemeint. Es ist vielmehr ein tiefes göttliches Privileg und eine Gnadenöffnung: Der Schöpfer erlaubt uns nicht nur, sondern Er schenkt uns die Gnade, den Schleier zu lüften und hinter die Kulissen der Schöpfung zu blicken. Es ist ein reines Geschenk, dass wir den Sinn des Leids, den Wert des Lebens und unsere eigene Bestimmung als Spiegel überhaupt erkennen dürfen.
Wenn wir unseren Körper und den Kosmos betrachten, stoßen wir auf eine erstaunliche Realität: Jedes Detail scheint an seinem exakten Platz zu sein. Im menschlichen Körper finden wir kein einziges Organ, das überflüssig oder sinnlos wäre. Wenn man diese universelle Ordnung induktiv auf das Ganze überträgt, zeigt sich, dass im gesamten Gefüge des Universums kein Raum für Sinnlosigkeit ist.
1. Der vielfältige Sinn der Schöpfung: Mehr als nur bloßes Dasein
Jedes Ding und jedes Leben besitzt vielseitige Absichten und unzählige Ergebnisse. Sie beschränken sich keineswegs nur auf jene Zwecke, die sich auf das Diesseits oder das eigene Selbst beziehen, wie es die Irregeführten vermuten, um der Schöpfung Sinnlosigkeit und Mangel an Weisheit unterstellen zu können.
In seinem Werk Das Zehnte Wort / 6. Wahrheitführt Bediüzzaman Said Nursi aus, dass sich die Daseinszwecke und Lebensresultate eines jeden Dings in drei Teile gliedern:
- Die erste und erhabenste Absicht wendet sich dem Schöpfer zu: Sie besteht darin, die kunstvollen Verzierungen und Meisterschaften, mit denen Er dieses Ding ausgestattet hat, dem Blick des Ewig-Zeugen (Şahid-i Ezeli) wie bei einer feierlichen Parade darzubieten. Dafür reicht oft schon ein einziges flüchtiges Augenblick-Leben aus; ja, selbst wenn es gar nicht erst ins physische Dasein tritt, genügt oft schon die innere Veranlagung als potenzielle Absicht. Darum bringen vergängliche, zarte Geschöpfe und unsichtbare, keine Frucht treibende Samenkörner diesen Zweck vollkommen zum Ausdruck. Sinnlosigkeit oder Nutzlosigkeit können sie daher niemals treffen.
- Die zweite Zweckbestimmung richtet sich an die bewussten Wesen (Zişuur): Jedes Ding fungiert wie ein wahrheitsenthüllender Brief, eine anmutige Ode, ein feierliches und erhabenes Gedicht oder ein weisheitsvolles Wort, das den Engeln, den Dschinn, den Tieren und den Menschen zur Betrachtung dargeboten wird. Jedes Ding ist somit ein lehrreicher Lesesaal für jedes bewusstseinsfähige Wesen.
- Die dritte Zweckbestimmung betrifft das Ding selbst: Es handelt sich um kleinere Resultate wie Genuss, Spazierengehen, Erhalt des Lebens und Bequemlichkeit. Wenn wir beispielsweise die Funktion eines Dieners auf einem mächtigen königlichen Schiff betrachten, gehört gerade einmal ein Prozent des Ertrags (als winziger Lohn) ihm selbst, während neunundneunzig Prozent dem Sultan gehören.
Genauso verhält es sich mit uns im Kosmos: Wenn wir ein Ding betrachten – etwa einen Apfel oder unser eigenes Leben – sehen wir oft nur das „ein Prozent“, also den Nutzen für uns selbst. Wenn wir aber lernen, dass neunundneunzig Prozent des Sinns dieses Dings darin liegen, die göttliche Kunst, Barmherzigkeit und Weisheit zu spiegeln, erst dann öffnen sich für uns die Tore zum wahren Verständnis der Schöpfung. Wir hören auf, die Welt nur als „Konsumgut“ zu sehen, und beginnen, sie als die tiefe, bedeutungsvolle Botschaft zu lesen, die sie eigentlich ist.
Aus dieser Vielfalt der Zwecke erklärt sich auch, wie sich scheinbar widersprüchliche Eigenschaften wie Weisheit und Sparsamkeit einerseits und grenzenlose Großzügigkeit andererseits harmonisch vereinen. Betrachtet man die Dinge unter dem Aspekt eines einzelnen Zwecks, herrscht pure Großzügigkeit und der Name des Freigebigen manifestiert sich. Betrachtet man sie jedoch unter dem Aspekt aller Zwecke zusammen, herrscht vollkommene Weisheit, und der Name des Weisen (Hakim) tritt in den Vordergrund.
2. Das Geheimnis des Leids: Kontrast, Potenzial und göttliche Namen
Dennoch stellt sich in Momenten des akuten diesseitigen Leids oder der Überforderung unweigerlich die schwerste aller Fragen: Warum ist dann Leid da? Wenn alles von Weisheit durchdrungen ist, woher kommen Schmerz, Not und Verlust?
Die Frage nach dem Warum des Leids führt in den Kern dieser theologischen Weisheitslehre. Leid wird hierbei nicht als ein blinder, graulicher Zufall verstanden:
- Das Gesetz des Kontrasts: Der Mensch nimmt die Realität über Gegensätze wahr. Ohne Dunkelheit gäbe es kein begriffliches Verständnis von Licht, und ohne Krankheit wüsste man den Wert der Gesundheit nicht zu schätzen.
- Die Entfaltung innerer Potenziale: So wie ein Samenkorn erst durch Druck und Widerstand in der Erde aufbricht, um zu einem gewaltigen Baum zu werden, so reift der Charakter des Menschen erst durch Prüfungen.
- Die Manifestation göttlicher Eigenschaften: Bestimmte göttliche Namen blieben ohne das Leid verborgen. Wie sollte man den Heiler (Şafi) oder den Tröster begreifen ohne die Erfahrung von Schmerz?
3. Die Illusion des Schmerzes und der Trugschluss des Anspruchs
Die Frage nach dem Lebenssinn und dem Schmerz entspringt meist einer begrenzten, zeitlichen Enge heraus. Eine Antwort, die sich nur auf den unmittelbaren Schmerz stützt, verfehlt die ontologische Dimension, da das Geschenk des Bewusstseins und der Existenz an sich – selbst mit all seinen Härten – von Natur aus unendlich viel höher einzustufen ist als die absolute Finsternis des Nichts.
Oft lässt sich dabei eine merkwürdige Verschiebung beobachten: Menschen beschweren sich in Wahrheit niemals über die Existenz ihrer Organe – niemand käme auf die Idee, die Existenz seiner Augen oder seines Mundes zu hinterfragen oder sie missen zu wollen. Die eigentliche Beschwerde setzt erst dort an, wo im Gegenzug für diese unzähligen Gaben eine Verantwortung, ein moralischer Anspruch oder Dankbarkeit gefordert wird. Wer das Gute als völlig selbstverständlich hinnimmt, empfindet jede Form von Verpflichtung als Zumutung – eine Haltung, die in der Tradition als tiefe Undankbarkeit gedeutet wird.
4. Das fehlende „Vorher-Einverständnis“ und das Eigentumsrecht
Oft wird moniert, dass der Mensch vor seiner Erschaffung nicht gefragt wurde. Aus philosophischer Sicht ist ein solches „Vorher“-Einverständnis jedoch ontologisch unmöglich: Vor der Existenz existiert schlicht kein Subjekt, das zustimmen könnte. Der Mensch erhält den freien Willen erst nach seiner Erschaffung; seine Prüfung beginnt genau dort, wo das Bewusstsein erwacht und sich zwischen Dankbarkeit und Ablehnung positioniert.
Hinzu kommt das fundamentale Verhältnis zum Schöpfer: Der Mensch hat sich nicht selbst erschaffen und besitzt sich nicht absolut selbst. Körper, Sinne und Leben sind lediglich geliehen. Wer ein geliehenes Gut nutzt, hat nicht das Recht, die Bedingungen des Verleihers infrage zu stellen, zumal der Nutzen das geforderte Entgelt an Anerkennung bei weitem übersteigt.
5. Das Gleichnis vom Künstler und dem Modell
Der genannte Denker Bediüzzaman Said Nursi hat sich in seinen Werken, insbesondere im 24. Brief, intensiv mit dieser scheinbaren Anklage gegen das Schicksal auseinandergesetzt und veranschaulicht dies mit einem treffenden Bild:
Man stelle sich einen meisterhaften Schneider vor, der ein kostbares Gewand anfertigen möchte. Um seine Kunst voll zur Geltung zu bringen, nimmt er einen schlichten Menschen als Modell, schneidet, passt an und gibt ihm verschiedene Stellungen. Hat dieser Mensch das Recht zu sagen: „Warum greifst du in dieses Gewand ein und störst meine Ruhe?“ Natürlich nicht. Das Gewand verschönert ihn, und der Prozess dient der Offenbarung einer höheren Kunst.
Genauso nutzt der Schöpfer das Wesen jeder Existenz als Modell, kleidet uns in das Gewand des Daseins und vollbringt mit dem Stift der Vorherbestimmung feine Muster auf uns, um Seine Namen offenzulegen.
6. Die Paradoxie von Schwäche und Erhabenheit: Der Mensch als Spiegel
Hier offenbart sich eine faszinierende Dimension der menschlichen Natur: Dass der Mensch in seinem Wesen schwach, bedürftig und absolut machtlos ist, steht keineswegs im Widerspruch dazu, dass er als vollkommener Spiegel für die göttlichen Namen – insbesondere für den Namen Samed (der Ewige, von dem alles abhängt, der selbst von nichts abhängt) – fungiert.
Dabei muss man zwischen aktivem Handeln (Fiil) und passivem Empfangen (Infial) unterscheiden. Aus eigener Kraft besitzt der Mensch keine Macht, um irgendeine Tat zu vollbringen; er ist von vollkommener Hilflosigkeit (Acz) und Bedürftigkeit/Ohnmacht (Fakr) geprägt. Doch durch seine Eigenschaft des Empfangens (Infial) ist er in der Lage, jene Lasten – die sogenannte das große anvertraute Gut (Emanet-i Kübra), die Himmel, Erde und Berge zu tragen sich weigerten – mühelos zu schultern.
Genau wie ein einfacher Spiegel in sich selbst absolut lichtlos ist und nicht die eigene Kraft besitzt, die Sonne zu sein, reflektiert er doch durch seine reine Beschaffenheit das Licht der Sonne in all seiner Pracht. Der Mensch wird auf drei Wegen zu einem Spiegel der göttlichen Namen:
- Durch Schwäche und Bedürftigkeit: So wie die Finsternis der Nacht das Licht umso strahlender zur Geltung bringt, spiegeln die Hilflosigkeit, seine Schwäche und Bedürftigkeit des Menschen die unendliche Macht und den Reichtum des Schöpfers wider.
- Durch begrenzte Eigenschaften: Mit seinen begrenzten Attributen wie einem kleinen Willen, begrenztem Wissen und minimaler Kraft spiegelt er das unendliche Wissen, den absoluten Willen und die allumfassende Macht Gottes wider.
- Durch direkte Reflexion: Indem er die in ihm aufleuchtenden Namen und Eigenschaften bewusst wahrnimmt und widerspiegelt.
So ist der Mensch in seinem Wesen zwar schwach und bedürftig, aber durch seine Bestimmung ein wunderbarer, klarer Spiegel für sämtliche göttlichen Attribute. Sein Herz ist die zentrale Schatzkammer und der „Spiegel des Samed“. Seine vornehmste Aufgabe ist es, diese mit dem Blick von Glaube und Erkenntnis zu lesen, wodurch er sich geistig erhebt und die höchsten Stufen erreicht.
7. Der Vergleich der Stufen und der Irrtum der Gier
Said Nursi führt dazu aus, dass die Geschöpfe keine angeborenen Rechtsansprüche gegen den Schöpfer besitzen. Ihr Recht besteht vielmehr darin, die Stufen des empfangenen Seins durch ständigen Dank zu würdigen:
- Mineralien beklagen sich nicht, keine Pflanzen geworden zu sein.
- Pflanzen fordern nicht, Tiere zu sein.
- Tiere verlangen nicht nach menschlichem Intellekt.
Wie viel weniger hat da der Mensch Grund zur Klage, der das Geschenk des Lebens, des Bewusstseins und der Erkenntnis empfangen hat! Wer sich stattdessen mit einer eitlen Gier auf unerreichbare Höhen des Möglichen richtet und sich beklagt, verhält sich laut Nursi wie jemand, der die Stufen eines hohen Minaretts erklimmt, auf jeder Etage atemberaubende Geschenke vorfindet, diese jedoch ignoriert und weinend klagt:
„Warum konnte ich nicht noch höher steigen?“
8. Die Synthese aus Welt und Ewigkeit
Viele Zweifel an der Weisheit der Schöpfung scheitern letztlich daran, dass sie isoliert im engen Rahmen von wenigen Jahrzehnten betrachtet werden. Kritiker übersehen dabei die Dimension der Ewigkeit. Ein kurzes irdisches Leben ist im Vergleich zur Ewigkeit verschwindend gering.
Wird das Jenseits in die Gleichung einbezogen, relativieren sich alle diesseitigen Mühseligkeiten und Schmerzen vollständig. Das Nichts ist absolut dunkel, während selbst ein mit Prüfungen durchsetztes Dasein ein reines Licht darstellt. Die religiöse und philosophische Argumentation betont daher stets, dass Fragen zum Sinn des Lebens oder zum Warum des Leids niemals isoliert auf das diesseitige Leben beschränkt bleiben dürfen, sondern immer das Zusammenspiel von Welt und Jenseits berücksichtigen müssen. Die wahre Reife des Menschen besteht folglich darin, die Gegebenheiten des Daseins als kunstvolles Gewand anzunehmen – und die eigene Existenz mit einer Haltung des bewussten Staunens und der tiefen Dankbarkeit zu leben.
9. Fazit Der Sinn unseres Daseins erschließt sich nicht durch eine egozentrische Sichtweise, die die Welt lediglich auf den eigenen Nutzen reduziert. Stattdessen offenbart sich die wahre Tiefe der Schöpfung in einer dreifachen Bestimmung: Sie zeigt die unvergleichliche Kunst des Schöpfers, dient den bewussten Wesen als lesbarer Brief göttlicher Weisheit und bietet uns erst an letzter Stelle persönlichen Ertrag. Dass wir dieses Gefüge, den Wert des Lebens und selbst den tieferen Sinn von Prüfungen erkennen dürfen, ist ein unverdientes göttliches Privileg. Wer die Welt mit diesem Blick liest, begreift Schmerz und Existenz nicht mehr als blinden Zufall, sondern verwandelt gierige Ansprüche in eine Haltung tiefster Dankbarkeit und inneren Friedens.
Quellen:
vgl.10. Söz/Worte- Sözler
vgl.24. Mektub/Briefe- Mektubat
vgl.23. Söz/Worte- Sözler
Redaktion: Said Nursi Stiftung




