In der modernen Debatte um den Ursprung des Kosmos wird uns Wissenschaft häufig als eine Art endgültige Antwort präsentiert, die einen Schöpfer überflüssig mache. Beobachtungen, physikalische Formeln und biologische Abläufe werden so formuliert, als trüge die Materie selbst die treibende Kraft in sich. Doch wenn man genauer hinschaut, verwechselt dieser Ansatz die bloße Grammatik eines Textes mit dessen Verfasser.
Nehmen wir ein Buch zur Hand: Es besteht aus Papier, Tinte und Buchstaben, die in einer bestimmten Reihenfolge aneinandergereiht sind. Niemand käme auf die Idee zu behaupten, die Druckerschwärze oder die unbewussten Buchstaben hätten das Werk aus sich heraus verfasst. Sie sind lediglich das Medium, die sichtbare Tinte auf dem Papier. Betrachten wir nun das Universum, erinnert dieses in seiner Struktur stark an ein vielschichtiges, unendliches Buch. Jedes Lebewesen, jede physikalische Konstante und jedes chemische Gesetz bilden darin Sätze und Kapitel.
Um diesen Trugschluss systematisch zu entlarven, hilft ein Blick auf die tiefgehenden Analogien, wie sie beispielsweise im Risale-i Nur von Bediüzzaman Said Nursî formuliert werden. Betrachten wir die Zusammenhänge im Detail anhand folgender Kernpunkte:
- Die Verwechslung von İktiran (Zusammentreffen) und İllet (Ursache)
Das materialistische Wissenschaftsverständnis verfällt dem Trugschluss, dass das ständige gemeinsame Auftreten zweier Dinge (İktiran) bereits eine kausale Beziehung darstellt. Dass Sonnenaufgang und Tageslicht, Bewässerung und Pflanzenwachstum oder physikalische Reaktionen stets nacheinander stattfinden, beweist keine schöpferische Kraft der Ursache. Ein ständiges Zusammentreffen begründet niemals automatisch eine echte Wirkursache (illiyet). Wenn die Wissenschaft beschreibt, dass nach dem Regen Pflanzen sprießen oder dass bestimmte Moleküle biochemische Prozesse steuern, beschreibt sie lediglich die Reihenfolge der Buchstaben – das, was in der Philosophie als gewohnheitsmäßige Abfolge verstanden wird. Das aufeinander Folgende von Ursache und Wirkung bedeutet keineswegs, dass die erste Ursache die Wirkung auch tatsächlich erschafft. Die Naturgesetze besitzen keine eigene Intelligenz, keinen Willen und kein Bewusstsein. Sie sind lediglich die verlässliche Gewohnheit, nach der ein bewusster Urheber das Geschehen ordnet.
- Die Verwechslung von bloßem Ausbleiben und wahrer Erschaffung
Der Mensch lässt sich nur allzu leicht blenden, weil er den Verlust eines Werkes mit seiner Erschaffung verwechselt. Dieser fundamentale Trugschluss wird im Risale-i Nur von Bediüzzaman Said Nursî mit unübertrefflicher Präzision entlarvt:
„Diejenigen, die den äußeren Ursachen verfallen, werden dadurch getäuscht, dass zwei Dinge stets gemeinsam auftreten oder vorhanden sind – was als ‚iktiran‘ bezeichnet wird –, und sie fälschlicherweise für die Wirkursache (illet) halten. Da das Fehlen einer Sache zur Folge hat, dass eine Wohltat ausbleibt, bilden sie sich ein, das Vorhandensein dieser selben Sache sei auch die alleinige Ursache für das Entstehen jener Wohltat. Sie zollen jener Sache ihren Dank und ihre Anerkennung und verfallen in Irrtum. Denn das Dasein einer Wohltat unterliegt der Verwirklichung all ihrer zahlreichen Voraussetzungen und Bedingungen; das Ausbleiben dieser Wohltat hingegen geschieht bereits durch das Fehlen einer einzigen Bedingung.
Nehmen wir als Beispiel den Mann, der das Schleusentor eines Bewässerungsgrabens nicht öffnet und dadurch das Vertrocknen des Gartens sowie das Ausbleiben jener Früchte verursacht. Obwohl nun das Entstehen der Früchte in diesem Garten neben der Dienstleistung jenes Mannes von der Erfüllung hunderter weiterer Bedingungen abhängt, geschieht es letztlich durch den Willen und die Macht des Schöpfers, der die wahre Ursache ist. Verstehe doch, wie offenkundig der Fehler in diesem Trugschluss ist, und erkenne, wie schwer sich die Ursachenanbeter irren!
Ja, das Zusammentreffen ist das eine, die Wirkursache ist etwas ganz anderes. Eine Wohltat erreicht dich; doch die Absicht eines Menschen, dir Gutes zu tun, trat lediglich gemeinsam mit dieser Wohltat auf – sie wurde dadurch jedoch nicht zur Ursache. Die wahre Ursache ist die göttliche Barmherzigkeit. Ja, hätte jene Person diese Güte nicht beabsichtigt, wäre dir die Wohltat nicht zuteilgeworden; sie wäre somit der Grund für das Ausbleiben der Wohltat gewesen. Doch gestützt auf die genannte Regel kann diese Intention zur Wohltat selbst keine Wirkursache sein; sie vermag lediglich eine von hunderten Bedingungen darzustellen.“
(Bediüzzaman Said Nursî, 17. Lem’a / 13. Nota)
Hier offenbart sich die ganze intellektuelle Kurzsichtigkeit des Materialismus. Die absolute Realität sieht völlig anders aus: Die Existenz einer Sache setzt das Zusammenwirken hunderter Bedingungen und – vor allem – einem unendlichen Wissen und Macht (der wahren Ursache) voraus. Um dieses Werk jedoch zu vernichten, reicht bereits das Fehlen einer einzigen Bedingung (z. B. des Wassers oder eines einzigen Ventils) aus. Das Nichtöffnen des Wasserhahns erschafft den Garten nicht; es stellt lediglich eine „Bedingung“ für das Eintreffen des Wassers dar. Die Erschaffung jeder einzelnen Blume im Garten hingegen ist das Werk des Schöpfers, der die Räder des Universums antreibt.
Man mache sich das Ausmaß dieses Trugschlusses bewusst: Der Mangel an etwas kann niemals der Schöpfer von etwas sein. Die präzise, atemberaubende Erschaffung jeder einzelnen Blume im Garten ist zu jeder Sekunde das ausschließliche Werk des wahren Schöpfers, der mit unendlicher Hand die gigantischen Räder des gesamten Universums antreibt, während die bloßen Ursachen nur als machtlose Kulisse dienen.
- Der Irrtum des Naturalismus: Die Buchstaben als Autor
Das Universum fungiert als ein umfassendes Buch, in dem die Naturgesetze die Tinte und die alphabetische Anordnung repräsentieren. Naturwissenschaftliche Formulierungen wie Schwerkraft oder Photosynthese lesen lediglich die grammatikalische Struktur und die Reihenfolge der Sätze. Ein reibungsloser, bedeutungsvoller Textfluss beweist jedoch niemals, dass sich die Buchstaben eigenständig zusammengefügt haben. Genauso wie hinter den gedrückten Tasten einer Schreibmaschine ein unsichtbarer Wille steht, verweisen Naturgesetze auf den göttlichen Willen.
- Äußere Ursachen ( Esbab-ı Zahiriye) als bloße Schleier
Naturgesetze und materielle Kausalitäten wie Gravitation oder genetische Codes sind als „Vorhang der Erhabenheit“ (Perde-i İzzet) implementiert, um die Pracht der göttlichen Herrschaft zu wahren. Da es dem menschlichen Verstand schwerfällt, die unmittelbare Allmacht in ihrer Gesamtheit zu fassen, vollzieht sich das Handeln hinter scheinbaren, äußeren Schleiern. Bezeichnungen wie „Naturgesetz“ oder „DNA“ stellen lediglich beschreibende Definitionen dar, besitzen jedoch inhärent keinerlei schöpferische Kraft.
Fazit Wissenschaftliche Entdeckungen und physikalische Gesetze beschreiben lediglich die Grammatik und die Funktionsweise des Universums. Wissenschaftliche Entdeckungen und Naturgesetze beschreiben lediglich, wie das Universum abläuft und strukturiert ist. Der wahre und alleinige Urheber des Lebens ist jedoch Allah; die beobachteten physikalischen Ursachen und Gesetzmäßigkeiten stellen lediglich den äußeren Rahmen dar, in dem Sein Wille sichtbar wird.
Quellen:
23. Lem’a
17. Lema’a
Redaktion: Said Nursi Stiftung




