Die zwei Dimensionen der Qur’an-Exegese nach Said Nursi

Die zwei Arten des Tafsir nach Said Nursi

„Die Exegese (Tafsir) lässt sich in zwei Hauptarten unterscheiden:

Die erste umfasst die bekannten Tafsir-Werke, die sich mit dem Wortlaut des Qur’an befassen und die Bedeutungen seiner Wörter und Sätze darlegen, erläutern und begründen.

Die zweite Art der Exegese besteht darin, die glaubensbezogenen Wahrheiten des Qur’an mit überzeugenden Beweisen zu erklären, zu verdeutlichen und zu belegen. Dieser Bereich ist von großer Bedeutung. Die klassischen, äußerlich ausgerichteten Tafsir-Werke behandeln diesen Aspekt bisweilen nur knapp und zusammenfassend. Die Risale-i Nur hingegen stellt gerade diesen zweiten Bereich in den Mittelpunkt und ist eine geistige Exegese von einzigartiger Prägung, die selbst hartnäckige Philosophen zum Verstummen bringt.“

Said Nursi – Risale-i Nur

 

  1. Was meint Said Nursi mit „Tafsir hat zwei Arten“?

Wenn man sich mit der islamischen Exegese (Tafsir) beschäftigt, stößt man auf eine bemerkenswerte Aussage von Said Nursî:

„Die Exegese lässt sich in zwei Arten unterscheiden.“

Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage vereinfachend. Die klassische islamische Gelehrsamkeit kennt schließlich eine Vielzahl an Zugängen zum Tafsir:

  • sprachliche Analysen,
  • rechtliche Ableitungen,
  • theologische Diskussionen,
  • historische Kontextualisierungen
  • und weitere methodische Herangehensweisen.

 

Vor diesem Hintergrund scheint die Reduktion auf zwei Arten zunächst unzureichend. Doch eine genauere Betrachtung zeigt, dass es Nursi nicht um eine vollständige wissenschaftliche Systematisierung geht. Vielmehr verfolgt er ein anderes Ziel: Er möchte eine grundlegende Unterscheidung hervorheben, die sich nicht an methodischen Details orientiert, sondern an der Funktion und Wirkung von Tafsir.

Nursi erkannte, dass im 20. und 21. Jahrhundert die Angriffe auf die Religion nicht mehr primär die Grammatik oder die Rechtsvorschriften des Qur’an betreffen, sondern sein Fundament: den Glauben an Allah, die Auferstehung und die Offenbarung.

In einer Ära des Materialismus reicht es nicht aus, zu erklären, wie man betet oder was ein arabisches Wort bedeutet. Man muss zeigen, dass Allah existiert und dass das Jenseits so gewiss ist wie der Frühling nach dem Winter.

Ein besonders eindrücklicher Ausdruck dieser Haltung findet sich in einer Aussage Üstad:

„Eyvâh!“ dedim, „Bu ejderha îmânın erkânına ilişecek!“  (23. Lem’a/türkisch)


„Ach weh!“, sagte ich, „Dieser Drache (ejderha) wird die Grundlagen des Glaubens angreifen!“

Mit dem Bild des „ejderha“ (Drachen/Ungeheuers) beschreibt Üstad die geistigen und ideologischen Strömungen seiner Zeit, insbesondere materialistische und atheistische Denksysteme, die nicht bloß einzelne religiöse Aspekte betreffen, sondern die Fundamente des Glaubens selbst ins Visier nehmen.

Gerade vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb Nursi eine Methode entwickelt, die als eine Iman-zentrierte Glaubenstheologie verstanden werden kann. Sie zielt darauf ab, die „erkân-ı îmâniye“ Grundlagen des Glaubens nicht nur zu bewahren, sondern sie durch beyân, izah und ispat, Begriffe, die sich als Darlegung, Erläuterung und Beweisführung übersetzen lassen, so darzulegen, dass sie rational nachvollziehbar und zugleich innerlich gewiss werden.

  1. Die erste Art: Textbezogene Exegese

Die erste Art des Tafsir richtet den Fokus auf den Wortlaut des Qur’an. Sie befasst sich mit der Analyse von Sprache, Grammatik und Ausdruck. Dabei werden die Bedeutungen einzelner Wörter und Sätze erschlossen, rhetorische Feinheiten aufgezeigt und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Versen hergestellt. Ebenso spielt der historische Kontext eine Rolle, etwa durch die Berücksichtigung von Offenbarungsanlässen.

Diese Form des Tafsir beantwortet vor allem die Frage: Was bedeutet der Text?

Sie ist die Grundlage für jedes weitere Verständnis und bildet das Fundament der klassischen Tafsir-Literatur. Ohne diese sorgfältige Analyse des Wortlauts wäre ein angemessenes Verständnis des Qur’an nicht möglich.

 

  1. Die zweite Art: Glaubensbezogene Exegese

Die zweite Art des Tafsir, die Nursi besonders hervorhebt, richtet den Blick auf die im Qur’an enthaltenen Glaubenswahrheiten. Hier geht es nicht allein um das Verstehen des Textes, sondern um dessen innere Bedeutung und existentielle Tragweite.

In diesem Zusammenhang verwendet Nursi drei zentrale Begriffe: beyân, izah und ispat. Diese lassen sich als Darlegung, Erläuterung und Beweisführung übersetzen. Zusammen beschreiben sie einen Prozess, in dem die Aussagen des Qur’an nicht nur verständlich gemacht, sondern auch begründet und überzeugend dargestellt werden.

Diese Art des Tafsir stellt Fragen wie: Warum ist das, was der Qur’an sagt, wahr? Wie lassen sich zentrale Glaubensinhalte wie die Existenz und Einheit Allahs, die Offenbarung oder das Jenseits nachvollziehbar erklären? Wie kann man Zweifel begegnen und den Glauben rational stärken?

Der Schwerpunkt liegt hier also nicht auf der sprachlichen Analyse, sondern auf der argumentativen Durchdringung und der inneren Aneignung der Inhalte.

Ein Qur’an-Vers fordert dazu auf, über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachzudenken. Eine textbezogene Exegese erklärt dabei die Begriffe, den sprachlichen Aufbau und den Kontext des Verses. Sie beantwortet die Frage, was der Text bedeutet.

Die Risale-i Nur-Sammlung betrachtet hingegen die Ordnung, Harmonie und Zielgerichtetheit der Schöpfung und zeigt, dass solche Ordnung nicht zufällig entstehen kann. Wie ein Buch einen Autor und ein Bauwerk einen Architekten voraussetzt, so weist auch das Universum auf einen bewussten Schöpfer hin. Damit wird die Exegese des Qur’an zu einer Vergewisserung des Glaubens: nicht nur erklärend, sondern begründend, nicht nur theoretisch, sondern şuhudi (ausgesprochen Schuhudi) erfahrbar.

Üstad bezeichnet diesen Zugang auch als şuhudi Tafsir und verwendet diesen Ausdruck ausdrücklich.

Das Wort „şuhud“ bedeutet sehen, bezeugen, direkt wahrnehmen.

Damit ist gemeint: Die Wahrheiten des Glaubens werden nicht nur theoretisch erklärt, sondern so dargestellt, dass man sie gewissermaßen „sieht“ und innerlich bezeugen kann. Die Schöpfung selbst wird dabei wie ein offenes Zeugnis verstanden, das auf Allah hinweist (harfi-sichtweise)

Beim şuhudî (manevî) Tafsir wird der Qur’an nicht nur verstanden, sondern seine Wahrheiten werden erlebbar und unmittelbar einsichtig gemacht. Der şuhudî Tafsir zielt darauf ab, diese Wahrheiten so darzustellen, als ob man sie unmittelbar vor Augen sieht und innerlich bezeugt, sodass diese Überzeugung zur Gewissheit wird.

So wird der Vers nicht nur verstanden, sondern zugleich als Beweis für den Glauben nachvollziehbar und gleichsam erfahrbar gemacht.

 

  1. Ein Beispiel zur Veranschaulichung

Ein Qur’an-Vers, etwa:

„In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag liegen wahrlich Zeichen für diejenigen, die Verstand besitzen“ (Sure 3, Vers 190), fordert dazu auf, über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachzudenken. Eine textbezogene Exegese würde zunächst klären, was mit diesen Begriffen gemeint ist, welche sprachlichen Nuancen vorliegen und in welchem Kontext der Vers steht.

Die glaubensbezogene Exegese geht darüber hinaus. Sie nimmt den Vers als Ausgangspunkt für eine weiterführende Reflexion. Die Ordnung, Struktur und Zweckmäßigkeit der Welt werden als Hinweise auf einen bewussten Schöpfer verstanden. Durch Analogien, etwa mit einem kunstvoll errichteten Gebäude oder einem sorgfältig verfassten Buch, wird argumentiert, dass komplexe Ordnung nicht zufällig entstehen kann. Auf diese Weise wird der Gedanke eines Schöpfers nicht nur behauptet, sondern nachvollziehbar begründet.

Hier zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen beiden Arten: Während die erste den Text erschließt, entfaltet die zweite seine überzeugende Kraft.

 

  1. Der Hintergrund von Nursis Unterscheidung

Die Betonung dieser zweiten Art ist eng mit der Zeit verbunden, in der Said Nursi lebte. Er sah sich mit einer Epoche konfrontiert, in der traditionelle Glaubensgewissheiten zunehmend in Frage gestellt wurden. Naturwissenschaftliche Entwicklungen, philosophische Strömungen und materialistische Weltbilder führten dazu, dass viele Menschen nicht mehr primär nach der Bedeutung religiöser Texte fragten, sondern nach deren Wahrheit.

Vor diesem Hintergrund genügt es nicht, den Qur’an lediglich zu erklären. Es wird notwendig, seine Aussagen auch zu begründen und zu verteidigen. Genau hier setzt die von Nursi betonte glaubensbezogene Exegese an.

 

  1. Die Rolle der Risale-i Nur

Die Risale-i Nur ist Ausdruck dieses Ansatzes. Sie versteht sich nicht als klassischer Kommentar, der den Qur’an Vers für Vers auslegt. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, die im Qur’an enthaltenen Glaubenswahrheiten zu erschließen und mit Argumenten zu untermauern.

Dabei verbindet sie rationale Überlegungen mit anschaulichen Beispielen und einer spirituellen Perspektive. Ziel ist es, den Glauben nicht nur zu vermitteln, sondern ihn innerlich zu festigen und gegen Zweifel zu stärken.

 

  1. Fazit

Wenn Said Nursi von zwei Arten des Tafsir spricht, reduziert er die Vielfalt der exegetischen Methoden nicht, sondern bündelt sie auf eine grundlegende Unterscheidung. Auf der einen Seite steht die Erklärung des Textes, auf der anderen die Begründung seiner Inhalte.

Beide Arten sind notwendig und ergänzen einander. Doch in einer Zeit, in der der Glaube zunehmend hinterfragt wird, gewinnt die glaubensbezogene Exegese eine besondere Bedeutung. Sie macht den Qur’an nicht nur verständlich, sondern auch überzeugend.

In diesem Sinne lässt sich dieser Ansatz auch als eine Iman-zentrierte Glaubenstheologie verstehen.

 

Redaktion: Said Nusri Stiftung

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