Leben wir nicht alle in einer stillen Verbannung?

Leben wir nicht alle in einer stillen Verbannung

Vom ersten Atemzug an beginnt eine Reise der Trennung. Sie beginnt mit der Trennung von der Welt der Seelen und setzt sich fort mit dem Abschied aus dem Mutterschoß (rahm-i mader). Aus der Kindheit werden wir in die Jugend geführt, aus der Jugend in das Alter, und vom Alter schreiten wir in die Schwelle des Todes, die sich zur Ewigkeit öffnet. Jede dieser Stufen ist ein leiser Abschied, eine feine und oft schmerzliche Lösung von dem, was uns vertraut und lieb geworden ist. Ist das Leben nicht eine fortwährende Geschichte der Verbannung? Diese Verbannung trägt eine alte Erinnerung in sich, eine Erinnerung an unsere Ur-Eltern, an den ersten Abschied, als der Mensch aus der Nähe seines Ursprungs in die Welt gesandt wurde. Doch diese Verbannung ist nicht ziellos. Diese Verbannung ist nicht sinnlos, sondern von Weisheit getragen und mit einer Aufgabe versehen.

Der Mensch ist in diese Welt gesandt, beauftragt mit einer solchen Bestimmung, dass sich darin alle geistigen Entwicklungen der Menschheit entfalten, alle im Menschen angelegten Fähigkeiten sich öffnen und ausbreiten und das menschliche Wesen zu einem umfassenden Spiegel der Namen Allahs wird. All dies gehört zu den Früchten dieser Aufgabe.“ (Said Nursi-12.Mektub).

Es ist eine Bewegung zurück zum Ursprung. Der Mensch wird durch seine Entscheidungen, durch ein bewusstes oder unbewusstes Leben, durch Prüfungen, Verluste und Begegnungen wieder an den Anfang geführt, aber nicht mehr derselbe. Er kehrt zurück, geformt von Erfahrungen, gezeichnet von Trennungen, gereift durch Sehnsucht. Denn jede Trennung trägt eine verborgene Botschaft. Die Trennung von der Jugend erinnert an die Vergänglichkeit der Zeit. Die Trennung von der Gesundheit offenbart die Zerbrechlichkeit des Körpers. Die Trennung von geliebten Menschen lässt das Herz seine Tiefe erkennen. Und die letzte Trennung von dieser Welt enthüllt die Wahrheit unserer Existenz. So zeigen uns diese Abschiede nicht nur Verlust, sondern weisen auf das hin, was bleibt. Im Innersten jedes Abschieds lebt eine Sehnsucht, die Sehnsucht nach Wiedervereinigung, nach dem, was niemals vergeht. Und hier offenbart sich das Geheimnis. Der Mensch ist nicht für die Trennung erschaffen, sondern für die Rückkehr. Allah ist Derjenige, der jede verlorene Sache bewahrt, Der jede Sehnsucht kennt und jede Trennung in eine Begegnung verwandeln kann. Denn wir kommen von Ihm und zu Ihm kehren wir zurück.

إِنَّا لِلّٰهِ وَإِنَّا إِلَيْهِ رَاجِعُونَ  (Innā liLlāhi wa innā ilayhi rājiʿūn ) 2:156. So ist das Leben kein sinnloses Verbanntsein, sondern ein Weg der Erkenntnis, eine Reise der Rückkehr, in der jede Träne, jede Trennung und jede Sehnsucht uns näher führt zu der ewigen Heimat.


Redaktion: Said Nursi Stiftung

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