Iman als Zugehörigkeit: Die wahre Bedeutung

„Allah zu kennen bedeutet, mit Gewissheit daran zu glauben, dass Seine Herrschaft die ganze Schöpfung umfasst und dass von den kleinsten Teilchen bis zu den Sternen alles, im Einzelnen wie im Ganzen, in Seiner Verfügungsmacht steht und durch Seine Macht und Seinen Willen geschieht, dass Er in Seinem Reich keinen Teilhaber hat und dass die Wahrheiten des heiligen Wortes „La ilaha illa Allah“ im Herzen bestätigt werden.

Wenn man hingegen sagt: „Es gibt einen Allah“, aber Sein ganzes Reich den Ursachen und der Natur zuschreibt, sie gleichsam zu unzähligen Teilhabern macht, nicht erkennt, dass Sein Wille und Sein Wissen überall gegenwärtig sind, Seine strengen Befehle nicht kennt und weder Seine Eigenschaften noch die von Ihm gesandten Propheten anerkennt, dann besitzt er in keiner Weise die Wirklichkeit des Glaubens an Allah. []

Ja, nicht zu leugnen ist etwas anderes, wirklich zu glauben ist etwas völlig anderes.

Ja, kein bewusstes Wesen kann den ruhmreichen Schöpfer leugnen, für dessen Existenz die gesamte Schöpfung Zeugnis ablegt.
Würde es dies tun, würde die ganze Schöpfung es widerlegen; deshalb schweigt es und bleibt gleichgültig.

Doch wahrer Glaube bedeutet, wie der erhabene Qur’an lehrt, den Schöpfer mit Seinen Namen und Eigenschaften im Herzen zu bestätigen, gestützt auf das Zeugnis der gesamten Schöpfung, Seine durch die Gesandten überbrachten Befehle anzuerkennen und bei Sünde und Ungehorsam im Herzen Reue und Umkehr zu zeigen.“  (Emirdağ-1- Bediüzzaman Said Nursi)

 

In der klassischen Vorstellung ist Theologie vor allem eines: ein Nachdenken über den Glauben. Sie analysiert, definiert und systematisiert wissenschaftlich religiöse Inhalte. Begriffe werden geschärft, Lehrmeinungen abgegrenzt, Argumente entwickelt. Das Ziel ist Klarheit, oft auf einer rein intellektuellen Ebene.

Doch es gibt auch eine andere Form des theologischen Zugangs, die nicht beim abstrakten Denken stehen bleibt. Ein Zugang, der nicht nur fragt, was man glauben soll, sondern wie dieser Glauben im Menschen lebendig wird. Genau hier setzt eine Iman-zentrierte Perspektive an.

 

  1. Was bedeutet „Iman-zentriert“?

Iman bezeichnet im islamischen Verständnis nicht nur Zustimmung, sondern ein inneres Licht und eine existenzielle Wirklichkeit. In der Auslegung von Sa’d-ı Taftazani heißt es in der Risale-i Nur-Sammlung: „Iman ist ein Licht, das Allah nach dem Einsatz des freien Willens in das Herz des Menschen legt.“ (İşarat-ül İ’caz)

Dieses Licht ist ein Strahl aus der Ur-Ewigkeit, der dem menschlichen Gewissen geschenkt wird und dessen inneres Wesen vollständig erhellt. Dadurch entsteht eine Vertrautheit mit dem gesamten Universum und ein Gefühl von Sicherheit.

„Der Glaube (Imaan) ist sowohl Licht (Nuur) als auch Kraft. Ja, wer den wahren Glauben erlangt, kann der ganzen Schöpfung trotzen und sich entspreche der Kraft seines Glaubens vom Druck der Ereignisse befreien.“ (Sözler)

Der Mensch tritt in Beziehung zu allem und gewinnt eine innere Kraft, durch die er Prüfungen und Ereignissen standhalten kann. Gleichzeitig erhält er eine Weite, durch die er Vergangenheit und Zukunft umfassen kann.

Iman/Glauben ist damit nicht nur Erkenntnis, sondern auch Entfaltung. „Der Mensch ist in diese Welt gekommen, um sich durch Wissen und Bittgebet zu vervollkommnen. In seinem Wesen ist alles an Wissen gebunden. „Der Kern aller wahren Erkenntnis ist die Gotteserkenntnis, und ihr Fundament ist der Glaube an Allah.“(Sözler)

„Zugleich erhält diese Perspektive eine existentielle Dringlichkeit: Diese Welt ist vergänglich. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, das Bleibende zu gewinnen. Ist die Überzeugung des Menschen nicht gefestigt, verliert er diese Aufgabe.“  (Emirdağ-1)

 

  1. Vom Wissen zur existenziellen Verortung

Klassische theologische Ansätze arbeiten teils auf einer Metaebene. Sie sprechen über den Glauben: Was sind die Attribute Allahs? Wie ist das Verhältnis von Vorherbestimmung und freiem Willen? Welche Lehrmeinung ist korrekt?

Diese Fragen sind wichtig, doch sie setzen oft voraus, dass der Glauben bereits vorhanden ist.

Eine Iman-zentrierte Perspektive geht einen anderen Weg. Sie beginnt nicht mit fertigen Antworten, sondern mit der existenziellen Situation des Menschen: Zweifel, Sinnsuche, die Konfrontation mit Leid, Tod, Trennung und Vergänglichkeit sowie die Frage nach Ursprung und Ziel des Lebens.

Statt nur Begriffe zu klären, versucht sie, den Glauben aufzubauen, zu stärken und nachvollziehbar zu machen.

 

  1. Glaube als Intisab: Zugehörigkeit statt bloßer Überzeugung

Diese Perspektive wird besonders deutlich in einem zentralen Gedanken aus den Schriften von Bediüzzaman:

„Iman stellt den Menschen in Beziehung zu seinem erhabenen Schöpfer. Iman ist ein Intisab (Zugehörigkeit).“ ( Sözler)

Intisab bedeutet: Der Mensch glaubt an Allah, erkennt sich selbst als Sein Diener, sucht Zuflucht bei Ihm und entscheidet sich, innerhalb Seiner Gebote zu leben. Intisab ist die existenzielle Zugehörigkeit des Menschen zu Allah, nicht nur als Gedanke, sondern als bewusste innere Haltung und Lebensausrichtung.

Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied: Es gibt eine bloße Zuschreibung und es gibt eine bewusste Zugehörigkeit.

Wenn man sagt: „Die Süleymaniye-Moschee in Istanbul ist ein Werk vom Architekten Sinan“, dann ist das eine Nisbet, eine Zuordnung. Würde diese Moschee jedoch bewusst sagen: „Ich bin ein Werk von Sinan“, dann wäre das Intisab, also eine bewusste Selbstzuordnung.

Genau darin liegt die Tiefe des Glaubens: Wenn der Mensch sagt „Ich bin ein Diener Allahs, Sein Werk und Seine Kunst“, dann ist das nicht nur eine Aussage, sondern eine existenzielle Verortung. Glaube wird hier zu Zugehörigkeit.

Der Mensch kennt dieses Prinzip aus anderen Bereichen: Wer von einem Gelehrten lernt, wird als dessen Schüler bekannt; wer sich einem Lehrer anschließt, wird über diese Beziehung definiert. Diese Formen der Zugehörigkeit geben Identität.

Doch der Glaube ist die größte Form des Intisab. Denn durch ihn ordnet sich der Mensch nicht einem vergänglichen Bezug zu, sondern dem Ursprung allen Seins.

 

  1. Klassischer Kalam und Iman-zentrierte Perspektive

Klassische kalam-Theologie befasst sich vor allem damit, die Inhalte des Glaubens begrifflich zu klären und logisch zu verteidigen. Sie fragt, was geglaubt werden muss und wie sich diese Inhalte rational begründen lassen. Dabei bewegt sie sich häufig auf einer abstrakten Ebene und richtet sich in erster Linie an den denkenden Verstand.

Iman-zentrierte Zugänge, wie sie in der Risale-i Nur ausgearbeitet werden, setzen an einem anderen Punkt an. Sie fragen nicht nur, was wahr ist, sondern wie diese Wahrheit im Menschen lebendig wird. Der Glaube wird nicht nur definiert, verteidigt und rational erklärt, sondern als innere Wirklichkeit erschlossen.

Dabei wird die Welt selbst zum Ausgangspunkt der Erkenntnis: Ordnung, Sinn und Schönheit werden als Zeichen (harfi Sichtweise) gelesen, die den Menschen zur Gewissheit (yaqin) führen. So entsteht eine Form des Denkens, die nicht nur überzeugt, sondern auch trägt.

Die harfî Sichtweise bei Said Nursi versteht die Welt als ein bedeutungsvolles Zeichensystem: Alles, was existiert, wird nicht für sich selbst betrachtet, sondern als Hinweis auf Allah. Ordnung, Sinn und Schönheit in der Welt werden so gelesen, dass sie über sich hinausweisen und den Menschen zur Gewissheit führen. Dadurch entsteht eine Form des Denkens, die nicht nur überzeugt, sondern auch inneren Halt gibt.

Der Unterschied liegt somit nicht im Inhalt des Glaubens, sondern in der Methode: Während der klassische Kalam den Glauben begrifflich und logsich sichert, führt eine Iman-zentrierte Perspektive ihn existenziell zur Erfahrung. So wird der Glaube vom bloßen Nachahmen (taklid) zur überprüften, erforschten und verifizierten Gewissheit (tahkik-i iman) geführt.

Es ist notwendig, den Glauben vom taklid zum tahkik zu entwickeln und zu stärken.

Taklid bezeichnet dabei einen übernommenen Glauben, der vor allem auf Nachahmung. Tahkik hingegen meint einen überprüften, erforschten, verifizierten und durchdrungenen Glauben, der auf Einsicht, innerer Bestätigung und gefestigter Gewissheit basiert.

Denn ein nachgeahmter Glaube kann leicht von Zweifeln erschüttert werden. Der überprüfte Glaube hingegen besitzt unendliche Stufen und trägt durch die Kraft seiner Beweise selbst angesichts zahlreicher Zweifel. Während der nachgeahmte Glaube manchmal schon durch einen Zweifel erschüttert wird, besitzt der überprüfte Glaube eine innere Standfestigkeit.

 

  1. Wert durch Zugehörigkeit

Aus dieser Zugehörigkeit ergibt sich auch der eigentliche Wert des Menschen.

Der Mensch erhält seine wahre Bedeutung dadurch, dass er als schönstes und vollkommenstes Geschöpf erschaffen ist. Durch den Glauben wird er sich dieses Wertes bewusst. Indem er die in ihm erscheinenden Namen Allahs erkennt und darüber nachdenkt, wächst sowohl seine Dankbarkeit als auch sein innerer Wert.

Glaube ist damit nicht nur Erkenntnis, sondern auch Würde: eine bewusste Einordnung des eigenen Selbst in die Beziehung zu Allah.

 

  1. Plausibilität und geistige Vertiefung

Ein zentrales Merkmal Iman-zentrierter Perspektiven ist ihr Umgang mit Begründung. Dabei geht es nicht um ein Gegenüber von Autorität und Einsicht, sondern um eine Vertiefung: Überlieferte Wahrheiten werden nicht nur übernommen, sondern innerlich nachvollzogen und gefestigt.

So wird der Glaube vom bloßen Nachahmen zur überprüften Gewissheit geführt. Es ist notwendig, den Glauben vom taklid zum tahkik zu entwickeln und zu stärken. (Şualar)

Denn ein nachgeahmter Glaube kann leicht von Zweifeln erschüttert werden. Der überprüfte und erforschte Glaube hingegen besitzt viele Stufen und trägt durch die Kraft seiner Beweise selbst angesichts zahlreicher Zweifel. Während der nachgeahmte Glaube manchmal schon durch einen Zweifel erschüttert wird, besitzt der überprüfte Glaube eine innere Standfestigkeit.

(Emirdağ-1)

Die Verbindung von Verstand und das erkennende Herz

Iman-zentrierte Perspektiven sprechen nicht nur den Intellekt an, sondern den ganzen Menschen. Verstand und Herz stehen dabei nicht nebeneinander, sondern müssen miteinander verbunden sein. In der Risale-i Nur von Bediüzzaman Said Nursi wird der Glaube so vermittelt, dass das erkennende Herz und Verstand nicht getrennt angesprochen werden, sondern gemeinsam wirken.

In der Risale-i Nur von Bediüzzaman Said Nursi wird der Glaube so vermittelt, dass das erkennende Herz und Verstand nicht getrennt angesprochen werden, sondern gemeinsam wirken.

Der Verstand erkennt die Wahrheit durch Beweise, Argumente und das Lesen der Welt als Zeichen. Gleichzeitig wird das Herz durch dieselben Wahrheiten berührt, weil diese nicht abstrakt bleiben, sondern Bedeutung, Sinn und Nähe zu Allah vermitteln. In der Risale-i Nur von Bediüzzaman Said Nursi wird der Glaube so vermittelt, dass Herz und Verstand nicht getrennt angesprochen werden, sondern gemeinsam wirken.

 

Der Verstand erkennt die Wahrheit durch Beweise, Argumente und das Lesen der Welt als Zeichen. Gleichzeitig wird das erkennende Herz durch dieselben Wahrheiten berührt, weil diese nicht abstrakt bleiben, sondern Bedeutung, Sinn und Nähe zu Allah vermitteln. So entsteht keine rein theoretische Erkenntnis:

Was der Verstand versteht, wird im Herzen zu Gewissheit und innerem Licht.

 

Man kann daher sagen:

In der Risale-i Nur wird das Herz nicht zusätzlich „mitgenommen“, sondern es ist von Anfang an Teil des Erkenntnisprozesses. Erkenntnis ist immer zugleich Denken und Erleben, also eine Zusammenarbeit von Herz und Verstand.

 

Ohne das Licht des Herzens bleibt auch das Denken unvollständig. Wenn das Licht des Herzens und das Licht des Verstandes nicht zusammenkommen, entsteht nicht Klarheit, sondern Dunkelheit. (Sözler)

Erst durch die Verbindung von Verstand und Herz erreicht der Mensch eine Gewissheit, die bis zur Stufe von haqqalyakîn reichen kann: eine Überzeugung, die sowohl durch Einsicht als auch durch innere Erfahrung getragen wird.

(Kastamonu L.)

 

  1. Glauben als Erfahrung

Der vielleicht wichtigste Punkt: Glaube wird nicht nur erklärt, sondern erfahrbar gemacht.

Die Wirklichkeit selbst wird zum Lesebuch, in dem sich Sinn erschließt. Natur wird als Hinweis verstanden, Ordnung als Ausdruck von Weisheit und Existenz als Zeichen von Bedeutung.

So entsteht eine Form des Denkens, die nicht vom Leben getrennt ist, sondern es durchdringt.

 

  1. Fazit

Eine Iman-zentrierte Perspektive ist keine Abkehr von klassischen theologischen Ansätzen, sondern ihre Weiterentwicklung unter veränderten Bedingungen.

Ihr Anliegen ist es, den Glauben aus der Abstraktion zu holen und ihn wieder zu dem zu machen, was er ursprünglich ist: eine lebendige, tragende und sinnstiftende Wirklichkeit im Leben des Menschen.

Nicht nur ein Gedanke, sondern eine Zugehörigkeit.

Nicht nur Wissen, sondern Gewissheit.

Zum Abschluss lässt sich diese Perspektive in einem knappen Gedanken bündeln:

Der Mensch ist für Erkenntnis und Bittgebet in diese Welt gekommen; der Kern aller wahren Erkenntnis ist die Gotteserkenntnis (Marifatullah), und ihr Fundament ist der Glaube an Allah.

(Sözler)

 

P.S.: Sämtliche Quellenangaben beziehen sich auf die Risale-i Nur Sammlung von Bediüzzaman Said Nursi.

Redaktion: Said Nursi Stiftung

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