Von der Möglichkeit zur Wirklichkeit – Eine metaphysische Vertiefung

Von der Möglichkeit zur Wirklichkeit – Eine metaphysische Vertiefung

Im System der Risale-i Nur wird Schöpfung nicht lediglich als zeitlicher Anfang eines Universums beschrieben, sondern als ein fortwährender ontologischer Übergang von Möglichkeit zu wirklichem Sein.

Die Begriffe takdir, taayyun, taswir und idschad bezeichnen dabei keine voneinander getrennten Akte, sondern vier aufeinander bezogene Dimensionen derselben Wirklichkeit. Sie entfalten eine metaphysische Bewegung vom Bereich des imkan zum Bereich des wudschud, vom Möglichen zum Wirklichen/Dasein.

Am Anfang steht Takdir. Metaphysisch gehört takdir zur Ordnung der Möglichkeit. Bevor ein Wesen existiert, besitzt es im Wissen Allahs eine bestimmte Möglichkeit. Diese Möglichkeit ist nicht unbestimmt oder formlos, sondern mit Maß versehen. Takdir ist die Festlegung der möglichen Essenz in ihrem genauen Umfang, mit ihren Eigenschaften, Grenzen, Proportionen und inneren Anlagen. Ontologisch besitzt dieses Wesen noch kein eigenes Sein in der äußeren Wirklichkeit. Es existiert nicht, doch seine Möglichkeit ist präzise bestimmt. Möglichkeit erscheint hier nicht als bloße Abstraktion, sondern als gewusste und geordnete Möglichkeit.

Doch Maß allein genügt nicht für Individualität. Hier tritt Taayyun hinzu. Während takdir das Was und Wie im Maß bestimmt, bezeichnet taayyun die Konkretion innerhalb der Möglichkeit. Aus einer Vielzahl möglicher Bestimmungen wird eine bestimmte Möglichkeit hervorgehoben. Nicht nur „ein Mensch“ ist möglich, sondern genau dieser eine Mensch. Taayyun ist somit die Individualisierung im Bereich des Möglichen. Ontologisch bleibt das Wesen weiterhin im imkan, doch seine Essenz ist nun eindeutig identifizierbar. Es besitzt noch kein äußeres Sein, aber es ist nicht mehr unbestimmt, sondern eine konkrete, bestimmte Möglichkeit.

Mit Taswir beginnt die Schwelle vom rein Möglichen zur Erscheinung. Hier nimmt die bestimmte Möglichkeit Gestalt an. Form, Struktur und Proportion treten hervor. Was im Wissen bestimmt war, wird sichtbar artikuliert. In der Entwicklung eines Embryos, in der Spiralstruktur einer Galaxie oder in der Symmetrie einer Schneeflocke zeigt sich diese Dimension der Formgebung.

Von der Möglichkeit zur Wirklichkeit – Eine metaphysische Vertiefung
Von der Möglichkeit zur Wirklichkeit – Eine metaphysische Vertiefung
Von der Möglichkeit zur Wirklichkeit – Eine metaphysische Vertiefung

Taswir macht deutlich, dass Möglichkeit nicht abstrakt bleibt, sondern zur geordneten Erscheinung strebt. Dennoch ist auch hier entscheidend: Die Form als solche trägt ihr Sein nicht aus sich selbst. Sie ist Ausdruck einer bestimmten Möglichkeit, aber noch nicht deren eigenständiger ontologischer Grund.

Erst mit Idschad geschieht der eigentliche metaphysische Übergang. İdschad ist das Hervorbringen aus dem Nichtsein ins Sein. Hier wird der Bereich des imkan (des Möglichen) verlassen und der Bereich des wudschud (des Daseins) betreten. Möglichkeit besitzt keine eigenständige Existenz. Sie ist ontologisch bedürftig. Existenz ist nicht im Wesen selbst enthalten, sondern wird verliehen. İdschad ist dieser verleihende Akt. Durch ihn wird das Bestimmte wirklich, das Mögliche existent.

In dieser gestuften Betrachtung wird deutlich, dass das Geschaffene weder notwendig noch selbstgenügsam ist. Seine Essenz ist möglich, nicht zwingend. Sein Dasein ist nicht aus sich selbst erklärbar, sondern bedarf der Verleihung. Takdir bewahrt die Weisheit im Maß der Möglichkeit, taayyun zeigt die individuelle Bestimmtheit innerhalb des Möglichen, taswir offenbart die sichtbare Ordnung, und begründet das wirkliche Sein.

Gerade diese metaphysische Differenzierung klärt auch die Frage der menschlichen Verantwortung. Die menschliche Handlung ist möglich, aber nicht notwendig. Ihre Existenz wird erschaffen, doch ihre Ausrichtung wird gewählt. Das Sein der Handlung gehört zum Bereich des idschad, ihre moralische Richtung entspringt der menschlichen Entscheidung innerhalb des Bereichs der Möglichkeit. So wird weder die göttliche Allmacht eingeschränkt noch die menschliche Verantwortung aufgehoben.

Ebenso lässt sich die kosmologische Dimension verstehen. Die Naturgesetze und Konstanten sind bestimmte Möglichkeiten im takdir. Dass genau dieses Universum existiert und nicht ein anderes, entspricht taayyun auf kosmischer Ebene. Seine sichtbare Harmonie und Struktur gehören zur Dimension des taswir. Seine fortwährende Existenz in jedem Augenblick ist idschad. Die Welt erscheint so als kontinuierlicher Übergang von gewusster Möglichkeit zu verliehenem Sein.

Schöpfung ist daher nicht mechanische Notwendigkeit und nicht blinder Zufall. Sie ist eine wissensgetragene, willensbestimmte und machtvoll verwirklichte Wirklichkeit. Vom Gewussten zum Wirklichen, vom Möglichen zum Seienden entfaltet sich eine Ordnung, in der Maß, Individualität, Form und Existenz aufeinander bezogen sind und gemeinsam die metaphysische Struktur der Welt offenbaren.


Autor: Redaktion, Said Nursi Stiftung

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